Fahrenheit 451
Kollektives Gedächtnis auf dem Scheiterhaufen
Guy Montag ist als Feuerwehrmann ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Doch statt Brände zu löschen, legt er sie. Die einstigen Retter und Helfer sind in einer repressiven Gesellschaft einer nahen oder fernen Zukunft zu einer Ordnungstruppe geworden, in der das «Gehäuse der Hörigkeit» (Max Weber) im Zeichen einer «verwalteten Welt» (Theodor W. Adorno), ein Leben in Unmündigkeit, traurige Realität ist. Ihre heilige Aufgabe: Die ausnahmslos für schädlich erklärten und bei hoher Strafe verbotenen Bücher zu vernichten, jegliche Schrifterzeugnisse durch die «reinige Kraft» des Feuers in Asche zu verwandeln. Da macht der Gleichgeschaltete und durch holografische TV-Seifenopern seiner Emotionen und seiner Fantasie Beraubte Bekanntschaft mit der 17-jährigen Clarisse. Diese öffnet ihm die Augen für die Schönheit der Natur, das ursprüngliche Erleben, Sinn und Sinnlichkeit und damit auch für die Bedeutsamkeit des Buchstabens und der Literatur. Als Montag heimlich ein Buch, das er hätte zerstören sollen, einpackt, ist sein Schicksal besiegelt – eine ungewisse Zukunft jenseits des Gesetzes, der hohe Preis der wieder gewonnenen Freiheit, beginnt.
Ray Bradburys visionäres Werk «Fahrenheit 451» (der Titel verweist auf den Selbstentzündungsgrad von Papier) aus dem Jahr 1953 hat nichts von seiner Faszination verloren, wie die nun vorliegende Adaption von Tim Hamilton (Eichborn, zirka 37 Franken) beweist. Gewiss ist die Dystopie – wie etwa auch «1984» von George Orwell – (verständlicherweise) unter dem gewaltigen Eindruck des nationalsozialistischen «Rückfalls in die Barbarei», dem Glauben an die Allmacht der (neueren) Medien und lange vor dem Zeitalter digitaler Reproduktion und Distribution entstanden und entsprechend zeitverhaftet. Dies ändert jedoch nichts am Umstand, dass der Stoff nach wie vor wertvolle Denkanstösse über Grundfragen des menschlichen Seins liefert, auch in der sorgfältig aufbereiteten und grafisch sinvollerweise unaufgeregt dargebrachten Wiedererzählung. Gerade – aber nicht nur – für all diejenigen, an denen das Original und die (jedoch weit weniger werktreue) Verfilmung von Francois Truffaut (1966) bis anhin vorbeigegangen ist. Lesenswert ist auch die Einführung von Bradbury selber, der mehr über den Entstehungsprozess der Vorlage preisgibt. Wer sich mehr mit dem Oeuvre des mittlerweile 89-Jährigen Amerikaners auseinander setzen möchte, dem sei als Einstieg dessen formidable Kurzgeschichtensammlung «Der illustrierte Mann» (1951) wärmstens ans Herz gelegt. Unter der Regie von Horror-Regisseur Frank Darabont, der bislang höchstens mit seinen beiden Stephen-King-Verfilmungen punkten konnte, ist übrigens eine Neuverfilmung von «Fahrenheit 451» geplant – wenn das nur gut geht! (scd)
Signal to Noise
Kopfkino eines dem Tod Geweihten
London, Ende der 1980er-Jahre: Ein arrivierter Regisseur erfährt, dass er Krebs hat und ihm nur noch wenige Monate bleiben. Elemente eines letzten Projekts schwirren im Kopf des 50-Jährigen herum und verdichten sich zu einem Film, der so nie gedreht werden sollte. Im Grunde kommt er über die Imagination einer Szene nicht heraus: Menschen, bunt zusammengewürfelt, in einem ruralen Gebiet am Ende des Jahres 999 die Apokalypse erwartend.
Der erstmals 1989 im Modemagazin «The Face» als Serie gestartete, 1992 publizierte und nun erstmalig auf Deutsch vorliegende Band «Signal to Noise» (Panini, zirka 33 Franken) zählt zu einem der anspruchsvollsten Werke der Comic-Literatur. In der von ihm favorisierten Form der Collage aus Zeichnungen, Textelementen und Fotomaterial setzt Dave McKean (Covers für «Sandman», «Cages», «Arkham Asylum») den Plot aus der Feder von Neil Gaiman («Sandman») kongenial-progressiv um. Das Resultat kann als polyphones Rauschen, als ein Surren auf mehreren Kanälen charakterisiert werden, was die Lektüre geistig enorm anregend macht. «Signal to Noise» erscheint in der Reihe «Neil Gaiman Bibliothek»; als nächster Band ist auf Ende März die bemerkenswerte Superhelden-Paralleluniversum-Story «Marvel 1602» angekündigt. Vom Duo Gaiman/McKean stammen auch «Black Orchid» und das auf Deutsch zurzeit nicht regulär erhältliche «Violent Cases». (scd)
Besprechung der weiteren Bände der Reihe: «Coraline», «Geschöpfe der Nacht» und «Die ganze Wahrheit über den Fall der verschwundenen Miss Finch»
Unter dem Hakenkreuz 1 & 2
Zur Zeit, als der Wahnsinn seinen Lauf nahm...
Deutschland 1932: Martin Mahner steht vor seinem Abitur. Sein traditionsverhafteter Vater sieht in dem stillen jungen Mann bereits einen erfolgreichen Juristen. Doch Martin, der sich mehr zum Theater und zur Literatur hingezogen fühlt, verfolgt andere Pläne. Die Arzttochter Katharine, die eines Tages nebenan einzieht, wird zu seiner ersten, zunächst wegen seiner Schüchternheit jedoch nicht zur Entfaltung gelangenden grossen Liebe. Als die Ressentiments gegenüber der jüdischen Bevölkerung im Zuge der Erstarkung Hitlers immer mehr zunehmen, müssen Katharinas Eltern für ihre Ethnie teuer bezahlen. 1939 geht Mahner nach Paris, um den beengenden politischen Verhältnissen in der Heimat einstweilen zu entkommen und seine Doktorarbeit voranzutreiben. Hier trifft er wieder auf Katharina, die in der Stadt der schönen Künste im Exil lebt. Als Mahner nach Deutschland zurückkehrt, wartet auf den Verehrer des Werks von Stefan Zweig bereits der Einberufungsbefehl. Ein paar Jahre später wird der Blondschopf bittere Bilanz ziehen: «Eines schönen Tages hatte man mich in eine Uniform gesteckt und mir meine Jugendträume genommen.»
Mit der Serie «Unter dem Hakenkreuz» (Schreiber & Leser, Band 1 zirka 40 Franken, Band 2 zirka 34 Franken) ist Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot ein grosser Wurf gelungen. Mit einem angenehm unaufdringlichen Zeichenstil wird anhand der Biografie eines mittelmässig an Politik interessierten Jünglings, der im Grunde einfach sein Leben leben und glücklich werden will, aufgezeigt, wie Deutschland sukzessive auf die Katastrophe zusteuerte. Wie die Bevölkerung sich darauf einliess, wie mancher es ahnte, wie gewiss einige davor warnten, und wie man doch nichts dagegen unternahm, unternehmen wollte, unternehmen konnte. Der an den Anfang des ersten Bandes «Der letzte Frühling» gesetzte Prolog wirft einen Blick voraus ins Jahr 1943 und lässt erahnen, dass die Geschichte für den Protagonisten möglicherweise durchaus tragisch ausgehen könnte. Hier schliesst der dritte Band «Maria» an, dessen Erscheinen noch auf das Frühjahr 2010 anberaumt ist.
«Unter dem Hakenkreuz» besticht vor allem durch seine komplex und keineswegs frei von Widersprüchen gestalteten Figuren sowie die differenzierte historische Betrachtungsweise: Auch wenn – und vielleicht gerade weil – der Autor Franzose ist, hält ihn das etwa im zweiten Band «Ein Sommer in Paris» keineswegs davon ab, auch mit dem braunen Gedankengut sympathisierende eigene Landsmänner auftreten zu lassen. Stark! (scd)
DMZ 6: Blutige Wahlen
Bringt Demokratie den Wandel?
New York in einer düsteren Zukunft: Manhattan ist zu einer so genannten demilitarisierten Zone geworden, einem Puffer zwischen sich in einem Bürgerkrieg unerbittlich bekämpfenden Parteien. Mehr zufällig findet sich der der junge Journalist in diesem Szenario wieder und lernt in der «DMZ» das Leben der dortigen Zivilbevölkerung kennen und schätzen. Nun stehen zwischen den Fronten zum ersten Mal Wahlen an – doch existiert tatsächlich die reelle Möglichkeit einer wirklichen Veränderung? Matty glaubt daran, als er Bekanntschaft mit dem charismatischen Sprengkandidaten Parco Delgado macht, der sich als Anwalt des Volkes sieht. Im Folgenden erweist sich die Frage, wie objektiv Matty als Journalist überhaupt noch sein kann, jedoch als kleinstes Problem. Zur Freiheit ist es noch ein langer Weg...
Brian Wood und Riccardo Burchielli haben mit dem sechsten Band «Blutige Wahlen» (Panini, zirka 29 Franken) erneut eines weiteres Stück intelligente «DMZ»-Geschichte geschrieben. Spannend ist vor allem die Entwicklung Mattys, der sich inzwischen den Groove des Krisengebietes perfekt angeeignet und sich vom milchbärtigen Praktikanten zum investigativen Top-Kriegsreporter – und neuerdings auch zum engagierten Wahlhelfer – gemausert hat. (scd)
Tim & Struppi Farbfaksimile 10 & 11
Haddocks abenteuerliche Wurzeln
«Das Geheimnis der ‹Einhorn›» und «Der Schatz Rackhams des Roten»: Für nicht wenige Tim-und-Struppi-Anhänger handelt es bei der zweiteiligen Geschichte aus dem Jahr 1942/43 um um den Rolls Royce aus Hergés Werk, was auch die Verkaufszahlen zeigen. In dieser stecken aber auch zahlreiche Finessen: Zum einen ist da die meisterhafte Plotkomposition und detaillierte Recherche zu erwähnen, zum anderen die Vertiefung des Charakters Haddock und die Einführung zweier neuer Elemente – der ewig zerstreute Professor Bienlein (nach dem Vorbild des realen Tiefseeforschers Jacques Piccard) und Schloss Mühlenhof –, die zum festen Bestandteil der weiteren Bände der Serie werden.
Die Schatz- und für Haddock zugleich Identitätssuche wurde erstmals 1942/43 schwarz-weiss als täglich erscheinende Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung «Le Soir» abgedruckt. Auf der Basis der insgesamt 357 Bildstreifen folgte 1943/44 die Veröffentlichung in Farbe in Albumform. Angesichts der Tatsache, dass zwischen der Urfassung und der ersten Farbfassung kaum Unterschiede bestehen, stellt sich die Frage nach der Legitimation der nun erhältlichen Farbfaksimile-Ausgaben (Carlsen, zirka 33 Franken). Sammler dürften jedoch so oder so nicht um den Kauf kommen; ausserdem ist das verwendete Papier so schön griffig, was sich auch in der Beschaffenheit der Kolorierung niederschlägt, dass die Lektüre nur schon deswegen ein Genuss ist. (scd)
Batman Collection: Neal Adams 4
Fledermann-Klassiker in neuem Gewand
Nach eineinhalb Jahren ist es vollbracht: Die «Batman Collection: Neal Adams» liegt mit dem vierten Band (Panini, zirka 33 Franken) komplett vor. Dem 1941 geborenen New Yorker Zeichner und Autor Neal Adams wird bescheinigt, die Figur Batman neu erfunden zu haben – vom grellbunten Flattermann in der TV-Serie der 1960er-Jahre zum Dunklen Ritter, vom zuvor vor allem am Tag agierenden Helden zum knallharten Rächer der Nacht.
Klassikerstatus hat sicher die Storyline «Die Lazarus-Grube!/Der Dämon lebt!/Der Mordfall Bruce Wayne» aus dem Jahr 1972. (Unvergessen: Der knallharte Oben-ohne-Zweikampf in der Wüste gegen den von den Toten wiederauferstandenen Ra's Al Ghul.) Da nicht von Neil Adams gezeichnet, fehlt leider mit «Bruce Wayne, ruhe in Frieden!» der Beginn der von Denny O'Neil geschriebenen Geschichte. Die Neukolorierung dürfte zwar nicht jedermanns Sache sein, doch obschon nicht überall gleich kohärent gelungen, wird damit doch erreicht, den 40 Jahre alten Storys einen überraschend modernen oprischen Touch zu verleihen. Generell ist die Aufmachung der mit Coverillustrationen und einleitenden Worten von Adams und O'Neil angereicherten Ausgabe als gelungen zu bezeichnen. (scd)
Jungle Girl 1
Feuchte Träume im Dinoland
Als ein Fernsehteam mitten in einem Dschungel abstürzt, in dem eine ganze Bandbreite prähistorischer Fauna – Dinosaurier, Mammuts und Höhlenbären – überlebt zu haben scheint und in dem auch noch der eine oder andere gefrässige Riesenwurm sein Unwesen treibt, liegt dessen Leben ganz in der Hand der einheimischen Amazone Jana. Zum Glück zeigt sich die gutgebaute Kriegerin der Sprache der Gestrandeten mächtig und will helfen. Dass die Truppe im Zuge der mörderischen Odyssee sukzessive kleiner wird, lässt sich trotzdem nicht verhindern. Zudem ist Ärger vorprogrammiert, denn unter den unfreiwilligen Touristen befindet sich auch eine Frau, die innerlich je länger je mehr vor Neid auf den wohlproportionierten Body der weissen (!) Dschungelmaid zu platzen droht...
Riesenarsch, Megamöpse, wehende blonde Mähne: Das mag zwar primitiv klingen, doch exakt dieser Logik ist «Jungle Girl» (Panini, zirka 33 Franken) von Frank Cho/Doug Murray und Adriano Bastista durch und durch verhaftet. Null Plot? Totale Absenz jedwelcher Logik? Scheissegal. Hauptsache, Jana kann ihren nur mit einem Tanga-Lederschürzchen bedeckten Knackhintern und ihre prallen Silikonballons aus jeder Perspektive präsentieren und dabei ordentlich Dinos und tumbe Cro-Magnon-Grobiane abschlachten. Nichts gegen Trash, nichts gegen Pulp, nichts gegen Kult – aber das ist einfach (ohne hier den Sittenwächter spielen zu wollen) nur noch billig. Doch eine dankbare Abnehmerschaft dürfte sich dafür bestimmt finden. Und das ist irgendwie auch OK so. Wenn man dem Schluss-Cliffhanger tatsächlich Glauben schenken kann, ist übrigens wohl davon auszugehen, dass sich ein Fortsetzungsband nach genau demselben Muster bereits in der Pipeline befindet. (scd)








